Dienstag, 12. Januar 2021

Posting 89 - Depot-Performance schlechter als die Index-Performance?

Die meist zu Jahresbeginn übliche Betrachtung der eigenen Vermögensentwicklung richtet den Blick natürlich auch auf das eigene Depot. Hierbei tritt nicht selten eine gewisse Ernüchterung ein, denn die eigene Depotentwicklung ist praktisch immer (deutlich) schlechter als die Indexentwicklung, die man kurz vorher z.B. in der Zeitung gelesen hatte. Woran liegt das? Eine Indexentwicklung ist in der realen Welt nicht erreichbar, denn

1) Ein Index, wie z.B. der MSCI World, ist noch kein Indexprodukt (=ETF) und die Umsetzung in einen ETF kostet meist 0,5 % bei Welt- und Europa-Indizes, bei Emerging Markets-Indizes etwas mehr (0,8 %); vgl. "Finanztest", Febr. 2021 ("Die besten ETFs", 5-Jahresdurchschnitte).

2) Eine ETF-Entwicklung ist immer vor Steuern definiert, während das normale Depot Steuern abführt auf Erträge, Verkauf von Gewinnpositionen oder (seit 2019) auch als Vorabpauschale auf thesaurierende Fonds/ETFs. Bei Dividendenausschüttungen gehen 26,4 % (28 % inkl. Ki-Steuer) ab als Abgeltungssteuern, bei 2 % Erträgen also 0,53 %.

3) In vielen Depots sind Sparpläne angelegt, d.h. das Depotvolumen steigt über das Jahr. Ein ETF reflektiert die Jahresentwicklung aber immer bezogen auf ein Vollinvestment zum 01.01. eines Jahres, ohne weitere Zuzahlungen. Daraus ergibt sich ein Performance-Minus von ca. 0,2-1 % p.a., je nach der Höhe des Sparanteils in Relation zum schon vorhandenen Depotvolumen.

4) Ein ETF befindet sich noch nicht im Depot, sondern die Positionen müssen erst angeschafft werden. Für eine Order von 10 T€  fallen ca. 0,3 % Ordergebühren an, zusätzlich noch der sog. Spread, also die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufs-Börsenpreis. Der Spread beträgt meist ca. 0,1-0,5 %. Je öfter gehandelt wird, desto stärker fallen Orderkosten und Spreads ins Gewicht. Bei einer Order - Kauf oder Verkauf - über 10 T€ also mit ca. 0,6 %. Mittels optimierter Kaufzeitpunkte können die Spreads meist auf 0,1-0,3 % reduziert werden.

5) Im globalen Industrieländer-Index MSCI World entfallen seit etlichen Jahren mehr als 60 % allein auf die USA. Damit ist zumindest ein erhebliches Währungsrisiko verbunden aus Euro-Sicht. Deshalb wird für die meisten Depots eine balanciertere Verteilung angestrebt mit relativ höherer Gewichtung auch von Europa und Emerging Markets (EM). Eine solche Abweichung kann sich phasenweise auch negativ gegenüber dem MSCI World verhalten, da z.B. in den 2010er Jahren die US-Entwicklung deutlich besser war als jene in EU und EM. Dies kann sich aber durchaus umkehren in den 2020iger Jahren, wenn z.B. die EM-Entwicklung wieder deutlich anzieht. Dann würde ein stärker balanciertes Depot besser laufen als ein primär MSCI World-orientiertes.

Summiert man die typischen Kostenpositionen 1) - 4) auf, so entstehen in Summe ca. 1,4 % p.a. an Depot-Kosten bzw. Performance-Nachteilen gegenüber einem reinen Index (Positionen als fiktive Durchschnittswerte):

zu 1) ca. 0,6 % als effektive ETF-Kosten (die ausgewiesene "TER" beinhaltet nicht alle Kosten)

zu 2) ca. 0,4 % als lfd. Besteuerung (große Varianz, da Freistellungsvolumen von 801 € p.P., das lfd. Erträge bis ca. 40 T€ Depotvolumen schützt, bei Verkäufen/Umschichtungen aber auch schnell ausgeschöpft ist)

zu 3) ca. 0,2 % für Depot-Sparpläne

zu 4) ca. 0,2 % für (anteilige) Orderkosten/Spreads (je nach Depotmodell ggf. keine Orderkosten, aber lfd. Depotgebühren von ca. 0,3-0,8 %, z.B. bei Robo-Advisors)

zu 5) ggf. 0,5 - 3 % phasenweise Abweichung wegen Regionen-Mix (kann negativ wie positiv wirken).

Vergleicht man die eigene Depot-Performance gegenüber einem ETF auf einen Welt-Index, so fällt zwar die o.g. Position 1) weg, alle anderen bleiben aber erhalten, d.h. auch von der ETF-Performance sind noch ca. 0,8 % p.a. an Depot- und Steuerkosten abzuziehen. Regionenabweichungen ggf. noch phasenweise.

Unabhängig von den o.g. unvermeidbaren Anlagekosten von knapp 1 % p.a. schlagen faktisch die Kosten für psychologische Fallstricke deutlich stärker zu Buche: Diverse Untersuchungen weisen zwischen 1,5 bis 5,6 % p.a. aus, vgl. in den folgenden Links:

Vgl. https://gafib1.blogspot.com/2019/03/posting-59-typische-anlagefehler.html 

Vgl. https://gafib1.blogspot.com/2020/11/posting-86-advisors-alpha-welchen-wert.html

Vgl. https://www.marketwatch.com/story/americans-are-still-terrible-at-investing

 

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